Bei
der Zuckerkrankheit (Diabetes mellitus) lassen sich zwei Hauptformen
unterscheiden: der insulinabhängige Diabetes mellitus (Typ I)
und der nicht insulinabhängige Diabetes mellitus (Typ II). Etwa
3 % der Bevölkerung leiden an einem Diabetes mellitus, wobei
die überwiegende Mehrheit der Betroffenen (ca. 90 %) einen Typ
II-Diabetes hat. Bei beiden Formen finden sich erhöhte Blutzuckerwerte.
Das Hormon Insulin, das von der Bauchspeicheldrüse (Pankreas)
gebildet wird, senkt den Blutzuckerspiegel. Beim Typ I-Diabetiker
wird nicht genügend Insulin gebildet. Beim Typ II-Diabetiker
liegt eine Störung der Wirkung des vorhandenen Insulins vor. Der Typ I-Diabetes tritt vorwiegend
bei Kindern und jungen Erwachsenen, der Typ II-Diabetes bei älteren,
meist übergewichtigen Menschen auf. Der erhöhte Blutzuckerspiegel
schädigt die Zellen der Gefäßwände in allen Organen. Am Auge
sind vor allem die Netzhaut (Abbildung) und die Regenbogenhaut
betroffen. Die Kapillaren der Netzhaut zeigen einen Verlust der
Stützzellen (Perizyten) der Gefäßwände. Es entstehen kleine Aussackungen
der Gefäßwand (Mikroaneurysmen), die undicht sind. Durch sie
kann es zum Austritt von Blut, Blutfetten und Wasser aus den Haargefäßen und zu deren Einlagerung in die Netzhaut kommen. Außerdem
führt der erhöhte Blutzuckerspiegel zu einer Verdickung der Zellen,
die die Haargefäße auskleiden (Endozyten). Dadurch verschließen
sich diese Gefäße, und die Netzhaut wird in diesem Bereich nicht
mehr ausreichend mit Sauerstoff versorgt. Das Auge reagiert darauf
mit der Neubildung von Gefäßen (Neovaskularisation), die von
Bindegewebe begleitet sind. Aus diesen Gefäßen blutet es häufig
in den Glaskörper (Glaskörperblutung, siehe Abbildungen unten).
Das neu gebildete Bindegewebe hat ferner die Tendenz zu schrumpfen
und übt dabei einen Zug auf die Netzhaut aus, wodurch es zu einer Netzhautablösung
kommen kann. Gefäßneubildungen treten auch an der Regenbogenhaut
(Iris) und im Kammerwinkel auf (Rubeosis iridis). Hier behindern
sie den Abfluss des Kammerwassers und können einen sekundären
grünen Star (Sekundärglaukom) verursachen. Der Diabetes mellitus
zählt zu den häufigsten Erblindungsursachen in Industriestaaten.
Ein Diabetiker hat gegenüber einem Gesunden ein 25fach erhöhtes
Erblindungsrisiko. Solange die Stelle des schärfsten Sehens
(Makula) von den Gefäßschäden und ihren Folgen nicht betroffen
ist, treten häufig
subjektiv keine oder nur geringe Symptome auf. Kommt es zu
einer Einlagerung von Blut oder Wasser in die Makula, sinkt die
Sehschärfe
oft stark ab. Eine Blutung in den Glaskörper führt zu einer plötzlichen
Verdunkelung meist im gesamtem Gesichtsfeld. In den Stadien der
beginnenden Netzhautablösung ist nur noch ein geringes Sehvermögen
mit drohender Erblindung vorhanden. Die Netzhautveränderungen
verursachen keine Schmerzen. Schmerzen können aber auftreten,
wenn sich ein sekundärer grüner Star mit oft sehr hohen Augeninnendruckwerten
ausgebildet hat.
Bei Diabetikern ist eine regelmäßige Untersuchung
der Netzhaut auf Mikroaneurysmen, Gefäßschäden, Blutungen und
Gefäßneubildungen äußerst wichtig. Dazu benutzt der Augenarzt
das Ophthalmoskop, die Spaltlampe mit speziellen Linsen oder
ein Kontaktglas. Ergänzend wird je nach Befund auch eine Farbstoffuntersuchung
zur besseren Beurteilung der Gefäße durchgeführt. Als Anhaltspunkt
gilt, dass jeder zuckerkranke Patient mindestens 1-mal jährlich
vom Augenarzt untersucht werden muss. Sind bereits diabetische
Veränderungen am Auge aufgetreten, müssen die Untersuchungsabstände
auf ½ Jahr, ¼ Jahr oder noch weniger verkürzt werden.
Voraussetzung jeder augenärztlichen Behandlung
ist eine möglichst gute Einstellung der Blutzuckerwerte. Die
entscheidende augenärztliche Behandlung bei diabetischen Netzhautveränderungen
ist eine rechtzeitige und ausreichende Laserkoagulation (Laserbehandlung)
der Netzhaut.
Dadurch können in der Regel Gefäßneubildungen
mit ihren Komplikationen vermieden werden. In fortgeschrittenen
Fällen muss zur Erhaltung des Sehvermögens manchmal eine Glaskörper-
und Netzhautoperation (Vitrektomie) durchgeführt werden, bei
der Blutungen im Glaskörper, neugebildete Blutgefäße und Bindegewebsstränge
entfernt werden.